In Sachsen gleichen sich die Reaktionen von politisch Verantwortlichen auf Naziübergriffe und rechte Hegemonie immer wieder: Abwehrreflexe, Bagatellisierung, Entpolitisierung von Gewalt, Verdrehung von Opfer- und Täterrolle oder die Extremismuskeule. Maßstäbe dafür hat der Mügelner Bürgermeister Gotthard Deuse gesetzt: eine regelrechte Hetzjagd auf MigrantInnen während des Stadtfestes 2007 wurde von ihm bagatellisiert. Mit viel größerer Wehr verwahrte er sich gegen die Denunzierung seiner Stadt. Inzwischen gibt es einen neuen Anwärter für den nicht dotierten Preis: den Oberbürgermeister der nordsächsischen Stadt Delitzsch, Dr. Manfred Wilde. 

Im Nachgang eines schweren Übergriffes von Nazis auf OrganisatorInnen und BesucherInnen eines Ska-Konzertes in Delitzsch am 18.3.2012 verurteilte dieser zwar die „Gewalttat“, vermied es allerdings den Hintergrund des Übergriffes zu benennen und diesen in Beziehung zum Normalzustand zu setzen– mehr noch, machte er den Veranstalter des Konzertes dafür verantwortlich, dass es dazu gekommen ist, denn der Ausschluss von Nazis von Konzertveranstaltungen, würde diese provozieren und den „sozialen Frieden“ stören.
Mit einer antifaschistischen Demonstration fand die Solidarität mit den Betroffenen des Übergriffes, von dem einer am rechten Auge so schwer verletzt wurde, dass er mit diesem vielleicht nie wieder sehen kann, am 25.3. ihren vorläufigen Höhepunkt. Wie Stadtpolitik und BürgerInnenschaft, die bei der Demo weitestgehend fehlten, weiter mit der Problematik einer rechten Hegemonie in ihrer Stadt umgehen, ist derzeit offen. Die mediale Thematisierung und politische Interventionen scheinen zumindest soviel Druck erzeugt zu haben, dass ein Totschweigen nicht mehr möglich ist.
Ob Dr. Manfred Wilde also Preisträger des „Deuse des Jahres“ wird, ist derzeit ungewiss.

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