Rathaus sieht im Sonntags-Aufmarsch Signale gegen Rechtsextremismus / 70 Leute aus Delitzsch sollen dabei gewesen sein

Delitzsch. Die Eindrücke, die die Beteiligten von der Demonstration am Sonntagnachmittag auf Delitzschs Straßen mitnahmen, sind noch frisch. Die Erkenntnis, dass die Veranstaltung nahezu ohne nennenswerte Ausschreitungen ablief, eint derzeit Veranstalterin Juliane Nagel, Polizei und Ordnungsbehörden. Dennoch gab es unterschiedliche Wahrnehmungen im Umfeld des Marsches. Was als Reaktion auf einen Überfall auf Ska-Konzert-Besucher im Delitzscher Jugendhaus Yoz deklariert war, entwickelte sich zum „Gegen-Rechts“-Protest. Vermeintliche Vorwürfe der Stadtverwaltung, die Veranstalter hätten die Situation selbst herbeigeführt, wurden aus dem Rathaus erneut dementiert.

Von Ditmar Wohlgemuth

Die Demonstration als auch der vorangegangene Überfall sind weiter Gesprächsthema in der Stadt. Oberbürgermeister Manfred Wilde (parteilos) sieht den Gewaltakt gegen einen tschechischen Musiker (wir berichteten) als eine „grausame Tat“, die schnell aufgeklärt werden müsse. Bei der Demonstration sei es den Menschen darum gegangen, „deutliche Signale gegen Rechtsextremismus zu setzen“. Wilde will eine ausgewogene Kinder- und Jugendarbeit, die keinen Platz für Extremismus bietet.
„Wir wollten ein Zeichen setzen, das ist uns gelungen“, stellte gestern Konzertveranstalter Toni M. mit Genugtuung fest. „Es waren mehr Leute da, als wir ursprünglich erwartet hatten.“ Er sprach von etwa 70 Menschen aus Delitzsch und Umgebung, die sich dem Zug teils auch spontan anschlossen hatten. „Der Rest der gut 250 Personen kam aus Leipzig.“ Dass es an mehreren Stellen des Marsches brenzlig wurde, weil Vertreter zweier gegensätzlicher Lager sich gegenüberstanden, räumte Toni M. ein und meint dazu: „Diese Stadt hat Nazis, sie haben sich gezeigt.“ Deeskalierend habe die Polizei eingewirkt. Die Ordnungskräfte im Demo-Zug als auch der Sprecher, so Toni M., hätten dennoch einen nicht unwesentlichen Anteil daran, dass „es eine friedliche Demonstration geblieben ist. So wie wir es versprochen hatten.“
Indes bleiben die Nachwehen der Aktion nicht aus. „Es gibt bereits wieder Drohungen gegen mich.“ Hinzu kämen wirtschaftliche Auswirkungen. Kunden von Toni M., er verkauft Kleidung, hätten sich zurückgezogen, weil sie fürchten, ins Fadenkreuz oder zwischen die Fronten zu geraten. Schlechte Nachrichten hat Toni M. zudem aus dem Krankenhaus. Der tschechische Musiker, der vorige Woche schwer verletzt wurde, musste erneut am Auge operiert werden. Wie bekannt wurde, hatte er sich den Angreifern in den Weg gestellt, um eine Frau zu schützen.
Juliane Nagel, Anmelderin der Demo, sprach in der Nachbetrachtung der Ereignisse vom Sonntag von einer „massiven Präsenz von Nazis“. Sie hätten die „antifaschistische Demonstration stören“ wollen. Ihnen sei es aber nicht gelungen, die Menschen, die sich mit den Betroffenen des Überfalls solidarisierten, einzuschüchtern. Die Polizei bestätigte Aktivitäten von Rechtsextremen, die insbesondere in Höhe Eilenburger Straße und Roßplatz beobachtet wurden. „Es wurden Platzverweise an Personen ausgesprochen, die überwiegend dem rechten Spektrum zuzuordnen sind“, hieß es aus der Pressestelle der Polizeidirektion Westsachsen.
Das Einschreiten der Polizei gegen Toni M. am Ende der Demo am Unteren Bahnhof wertete Nagel als „skandalös“. Dies hatte kurzzeitig zu Rangeleien zwischen den Beamten und den Demo-Teilnehmern geführt. Nach Darstellung von Toni M. sei ein für Polizeibeamte als beleidigend bewerteter Schriftzug auf seinen Kapuzenshirt Grund für die Festnahme gewesen. Nach der Personalienfeststellung kam Toni M. wieder auf freien Fuß. Ihn erwartet demnächst eine Anzeige. Die Polizei stellt die Situation anders dar: Nach gestrigen Informationen der PD Westsachsen habe ein Ordner der Demonstration versucht, den Tross zu verlassen. Er sei auf Personen des rechten Spektrums zugelaufen. Polizeibeamte hätten ihn daraufhin festgehalten und zur Identitätsfeststellung mitgenommen.
OB Wilde bekräftigt indes seine Position: „Delitzsch ist eine bunte Stadt. Hier leben Menschen unterschiedlicher Couleur friedlich miteinander und täglich arbeiten wir dafür, dass dies so bleibt.“ Ein Klima der Angst werde nicht geduldet. Von einem Verbot von Ska-Konzerten könne keine Rede sein. „Welche Konzerte in den Delitzscher Einrichtungen stattfinden, obliegt dem jeweiligen Träger“, sagte Wilde.
Ein Statement veröffentlichte das Rathaus auch im sozialen Netzwerk Facebook, wo Delitzsch sich mit einer offiziellen Seite im Internet präsentiert. Rund 60 Kommentare sind bislang eingegangen.